Kyoto ist tot? Es lebe Bali!
- Die Fehler des Kyoto-Abkommens und ihre Verbesserung
Kyoto hat versagt - meinen nicht nur Bush und Konsorten, sondern auch
einige Wissenschaftler, da der globale Kohlendioxid-Ausstoß ungebremst
voranschreitet. Was kann und was muss in einem neuen Klimaschutzabkommen
besser gemacht werden?
Der nächste Anlauf zur Rettung der Welt beginnt am 3. Dezember: Dann
treffen sich wieder hunderte Delegierte - Wissenschaftler, Ökonomen,
Umweltschützer und Politiker - auf Bali, um über ein neues Regelwerk zum
Klimaschutz zu verhandeln. Der bisherige Vertrag, das Kyoto-Abkommen,
läuft 2012 ab, weshalb sich die Weltgemeinschaft über neue Ziele und
Maßnahmen gegen den Klimawandel verständigen muss: Ziele, die auch
realisierbar sind und die Aufheizung der Erde zumindest bremsen.
Temperaturanomalien 2006
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/887447 Denn das 1997 verabschiedete und seit 2005 in Kraft getretene
Kyoto-Protokoll zum Schutze des Erdklimas entpuppt sich offensichtlich
mehr und mehr zum Papiertiger. Zwar ratifizierten es fast alle an der
Ausarbeitung beteiligten Nationen - nur Australien und die Vereinigten
Staaten als wichtige Protagonisten verweigerten sich diesem Schritt -,
doch leitete kaum eine Regierung adäquate Schritte ein, um die CO_2
-Emissionen ihres Landes zu dämpfen. Auch Europa macht davon allen neuen
Gesetzen zum Trotz noch keine Ausnahme, wie Zahlen der Vereinten
Nationen enthüllen. Fast überall stiegen mit dem Wirtschaftswachstum die
Kohlendioxid-Freisetzung an - selbst in Deutschland und Großbritannien,
die mit massiven CO_2 -Senkungen zunächst die Musterknaben waren.
Dem Kyoto-Protokoll beigetreten sind außerdem rund 170 Staaten, doch
aktiv senken sollen nur wenige Industrieländer. Wirtschaftlich rapide
aufholende Nationen wie Brasilien, Mexiko, Indien, China oder Südafrika
dürfen dagegen vorerst weiterhin ungezügelt emittieren, obwohl
beispielsweise die Volksrepublik in ihrem Gesamtausstoß die USA bereits
eingeholt haben könnte. Unter anderem wegen dieser "Benachteiligung" -
die Vereinigten Staaten weisen noch immer den höchsten Pro-Kopf-Wert auf
- distanzierte sich George W. Bushs Regierung von dem Abkommen, da sie
eine Beeinträchtigung der eigenen Ökonomie fürchtete.
Aus all diesen Gründen lehnen Gwyn Prins von der London School of
Economics und Steve Rayner von der Universität Oxford das
Kyoto-Protokoll ebenfalls ab - und fordern stattdessen ein radikales
Umdenken auf der Bali-Konferenz. Das Grundübel des bisherigen
Vertragswerks liegt ihrer Meinung nach in der fehlerhaften Orientierung
auf funktionierende und erfolgreiche Übereinkünfte der Vergangenheit,
mit denen die Ozonschicht zerstörenden FCKW gebannt oder Nuklearwaffen
verschrottet wurden. Ihnen lagen jedoch verglichen mit dem Klimawandel
relativ simple Probleme zugrunde, denn sie behandelten eine einzige
Gruppe, industriell relativ leicht zu ersetzender Chemikalien oder
bezogen nur die beiden damaligen Supermächte mit einem klar abzählbaren
Waffenarsenal ein.
Alle Staaten oder nur die größten Sünder?
Die Ursachen der Erderwärmung sind dagegen komplexer, gehen von mehr
Teilnehmern aus und werden von einem breiteren Spektrum an Technologien
hervorgerufen. Der Klimawandel erfordert dementsprechend einen breiteren
Lösungsansatz, der von unten her ansetzen muss und nicht von oben
oktroyiert wird, was Kyoto nach Meinung der beiden Forscher alles nicht
liefert. Bevor die Gegenmittel jedoch ausgeweitet werden, gilt es den
Kreis der Beteiligten zu begrenzen: 170 Staaten bedeuten schließlich
gleich viele Meinungen, Wünsche, Änderungsvorschläge, was die
Entscheidungsfindung erschwert.
Aufgeheizte Arktis <
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/887460> Die Erweiterung des letzten G8-Treffens um fünf Schwellenländer mit
hohem Kohlendioxid-Ausstoß oder die Initiative der Bush-Regierung die
16 größten Emittenten auf gemeinsame Reduktionsziele zu verpflichten,
könnten daher ein erster Ansatz sein. Schließlich entfallen achtzig
Prozent des weltweiten CO_2 auf nur zwanzig Staaten, unter denen
vielleicht eher eine Einigung zu erzielen ist, als auf der großen Bühne
- eine Ansicht, der führende Umweltschutzorganisationen wie der WWF oder
Greenpeace widersprechen. Sie befürchten, dass eventuell auf Kosten
kleinerer Staaten gekungelt wird oder ohne Druck aus stärker von der
Aufheizung betroffenen Ländern die Regelungen zu lasch ausfallen.
Gewährleistet muss jedenfalls sein, dass nach und nach weitere Länder
die Reduktionsvorgaben der großen Verschmutzer übernehmen. Am Ende
könnte eine Übereinkunft stehen, wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel
jüngst auf einer Rede vorgestellt hat: Jedem Weltbürger sollten am Ende
des Sparprozesses noch zwei Tonnen CO_2 pro Kopf und Jahr zustehen, was
eine Halbierung der gegenwärtigen Menge bedeuten würde. Gegenwärtig
entfallen auf den durchschnittlichen US-Amerikaner 20 Tonnen, den
Deutschen 11, einen EU-Bürger 9 und auf einen Chinesen ebenfalls schon
3,5 Tonnen, während viele Afrikaner noch weit unter den zwei Tonnen
liegen. Die Volksrepublik müsste deshalb ebenfalls Einsparungen
erbringen, was womöglich die Sorgen westlicher Ökonomen bezüglich
ungerechtfertigter Wettbewerbsvorteile mindert.
Keine Zielvorgabe ohne Lösungsmöglichkeit
Wie die Reduzierung erreicht werden soll, darüber gehen die Meinungen
weit auseinander: Die eine Seite setzt auf strikt einzuhaltende
Grenzwerte, die staatlich verordnet werden und auf deren Verfehlung
Sanktionen folgen, andere vertrauen dagegen auf die Kräfte des Marktes,
die über wirtschaftlichen Profit zum gleichen Ziel führen. Problematisch
ist beispielsweise, dass Kohlendioxid noch nicht weltweit an einer Börse
gehandelt werden kann und die Tonne noch nicht mit einem einzigen Preis
versehen ist wie Erdöl. Der WWF möchte daher, dass der Emissionshandel
der Europäischen Union bald global ausgedehnt wird, um einen gemeinsamen
Markt zu schaffen, der auch für Investoren von Interesse ist.
Je röter, desto wärmer: Temperaturabweichungen im Dezember
<
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/891968> Fehler, wie sie die EU nach Meinung von Prins und Rayner gemacht haben,
sollten dabei jedoch tunlichst gemieden werden. Die Gemeinschaft
überließ es ihren Mitgliedsstaaten, wie viele CO_2 -Zertifikate sie an
die beteiligten Unternehmen herausgeben wollen, statt eine limitierte
Menge zu versteigern. Am Ende brach der Preis zusammen und der ersehnte
Reduktionseffekt verpuffte. Sinniger sei es zudem, einzelne Maßnahmen
und Regelwerke erst in kleinem Rahmen - etwa auf Bundesstaat-Ebene -
auszutesten und bei Erfolg rasch auszuweiten, so die beiden Wissenschaftler
Selbst wenn ein derartiger Markt dereinst funktioniert, dürfte er
vornehmlich effizienteres Wirtschaften bewirken, nicht aber eine
revolutionierte Energiewirtschaft, die in Indien und China neben
Kernkraft fortgesetzt auf Kohle baut. Innerhalb der nächsten Jahre
müssen Strukturreformen in diesem Sektor greifen, bevor die Weichen
neuerlich in Richtung fossile Energieträger gestellt werden - ein
Kohlekraftwerk hat schließlich eine Lebensdauer von mehreren
Jahrzehnten. Prins und Rayner - wie auch die Umweltschutzorganisationen
- fordern daher eine massive Investition in die Erforschung und
Entwicklung neuer und sauberer Technologien der Energiegewinnung: Jede
Nation sollte so viel Geld dafür aufwenden, wie sie zu militärischen
Zwecken ausgibt. In den USA sind dies gegenwärtig etwa 80 Milliarden
Dollar, für die Energieforschung dagegen nur 4,2 Milliarden.
Geld muss jedoch nicht nur in neue Wege der Energiegewinnung fließen.
Negiert wird oft noch das gewaltige Einsparvolumen in Industrie und
Privatkonsum durch Null-Energie-Häuser, Lichttechnik - etwa die berühmte
Energiesparlampe - oder Kraft-Wärme-Kopplung. Und kein Tabu darf die
Entwicklung "sauberer" Kraftwerke sein, deren Kohlendioxid abgeschieden
und sicher eingelagert wird, wie der WWF anmerkt.
Kleine Maßnahmen, größter Erfolg?
Womöglich lassen sich die ersten großen Fortschritte jedoch durch
relativ einfache, unkomplizierte und kleine Maßnahmen erzielen. Warum
nicht jedes Produkt mit einer leicht zu lesenden Information versehen,
wie viel Kohlendioxid seine Herstellung und sein Gebrauch verursacht? In
Deutschland funktioniert dies bei Haushaltsgeräten bereits einigermaßen
durch Angabe der jeweiligen Energieeffizienz (bei Autos allerdings
überhaupt nicht). Die Konsumenten können auf diese Weise leicht und für
jedermann nachvollziehbar einen Beitrag zur Energiewende leisten - und
bei steigenden Energiepreisen ihren Geldbeutel entlasten. Gleichermaßen
sinnvoll ist es nach Ansicht von Prins und Rayner, Technologiestandards
vorzugeben, wie dies die EU durch CO_2 - oder die Vereinigten Staaten
durch Verbrauchshöchstwerte bei Automobilen versuchen. Sie betreffen nur
einzelne Industrien und Märkte, weshalb die Regeln für alle Anbieter
gelten.
Aufheizung <
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/887493 Eine rasche Minderung der Emissionen kann zudem durch einen besseren
Waldschutz in den Tropen erreicht werden. Brandrodung trägt zu etwa
einem Fünftel des jährlichen Kohlendioxid-Ausstoßes bei - mehr als alle
Autos, Flugzeuge und Lastwagen zusammen - und katapultiert Brasilien und
Indonesien unter die weltweit größten Klimasünder. Bislang existieren
keinerlei Mechanismen, den Schutz der Wälder für die betroffenen
Nationen lukrativer zu machen, indem man ihnen ihre Urwälder als Senke
anrechnet oder Ausgleichszahlungen für entgangene Gewinne aus
Holzhandel, Viehwirtschaft oder Plantagen leistet. Papua-Neuguinea und
Costa Rica haben bereits einen derartigen Vorschlag auf
Vorbereitungstreffen zur Bali-Konferenz eingebracht, doch sind sich die
Regenwald-Nationen noch uneinig, ob staatsfinanzierte Fonds oder der
noch einzurichtende Emissionen-Markt die richtige Lösung ist.
Zwang zur Anpassung
Doch auch wenn das erste Ziel sein muss, die Emissionen zu reduzieren,
um die Aufheizung in Grenzen zu halten, so sollte sich die Menschheit
dennoch an den Wandel anpassen. Er ist vorläufig und mittelfristig nicht
aufzuhalten, da die Atmosphäre träge reagiert. Entsprechend begleiten
uns Dürren, Fluten, klimabedingte Ernteausfälle oder der steigende
Meeresspiegel noch die nächsten Jahrzehnte, ohne dass genügend Gelder
für die Vor- oder Nachsorge dieser Probleme bereitgestellt werden. Nach
den Berechnungen der beiden englischen Wissenschaftler benötigt die
Weltgemeinschaft dafür ähnlich hohe Mittel wie für die Forschungen im
Energiesektor. Im bisherigen Abkommen spielen beide Punkte allerdings
nur eine sehr untergeordnete Rolle.
Kyoto bedeutete deshalb nur einen ersten Schritt, so die Forscher, der
noch dazu in veralteten Schuhen stattfand, um im Bild zu bleiben. Da die
überwiegende Mehrheit der Weltgemeinschaft zumindest ideell Maßnahmen
gegen den Klimawandel befürwortet, sollten die Delegierten das Protokoll
auf Bali kippen - um ein neues und besseres zu installieren.
Daniel Lingenhöhl
Nature <
http://www.nature.com/nature/index.html> 449: 973-975 (2007)