Bremer sparen sich Kohlekraftwerk
taz 9. August 2007
Gestiegene Baupreise stellen Wirtschaftlichkeit in Frage. Jetzt setzt der
Versorger swb auf erneuerbare Energien
BREMEN taz Der lokale Bremer Energieversorger swb hat gestern den geplanten
Bau eines 900-Megawatt-Kohlekraftwerks gestoppt. "Durch die Preisentwicklung
auf dem internationalen Anlagenbaumark" sei diese Entscheidung "leider"
erzwungen worden, erklärte Vorstandschef Wilhelm Schoeber. Das mit 1
Milliarde Euro taxierte und heftig umstrittene Projekt wäre "um mehrere
hundert Millionen" teurer geworden und damit nicht mehr wirtschaftlich.
Auch für andere Kohlekraftwerksprojekte sieht Schoeber unter diesen
Umständen wenig Chancen. Insgesamt sind rund 40 Standorte in Deutschland in
der Diskussion. Vor allem die Preise für die "Power-Insel" des Kraftwerks,
die Turbine, seien stark angestiegen, erläuterte Schoeber.
Wenn die Bremer swb vor einem Jahr Verträge zu Festpreisen abgeschlossen
hätte, dann würde auch angesichts der steigenden Strompreise jetzt ein gutes
Geschäft winken, meinte er. Folglich besteht für andere Kohlekraftwerkspläne
nur dann eine wirtschaftliche Basis, wenn sie wesentliche Komponenten schon
zu Festpreisen gekauft haben.
In Bremen hatten die Pläne für das Kohlekraftwerk vor acht Wochen bei den
rot-grünen Koalitionsverhandlungen eine wichtige Rolle gespielt - es war der
schwierigste Verhandlungspunkt. Die Koalitionäre hatten sich auf ein
Prüfverfahren geeinigt und das Thema damit bis Ende Oktober vertagt.
Insbesondere Reinhard Loske, der Umweltexperte der grünen
Bundestagsfraktion, der als Fachsenator in den Bremer Senat gegangen war,
dürfte froh sein, nicht als erste Amtshandlung ein Kohlekraftwerk genehmigen
zu müssen. "Die Entscheidung der swb AG gegen ein Kohlekraftwerk sollte
zugleich der Startschuss für neue Investitionen in erneuerbare Energien,
Effizienztechnologien und Energieeinsparung sein", ließ er aus seinem Urlaub
verlauten. Da die Stadt Bremen zu Zeiten der großen Koalition ihre Anteile
an der swb verkauft hat, hat die Kommune nur noch wenig direkten Einfluss
auf die Unternehmenspolitik.
Rund 1.000 von 300.000 Stromkunden hatte die swb in den vergangenen Monaten
durch die Kontroverse um das Kohlekraftwerk verloren, räumte swb-Chef
Schoeber ein. Die Grünen hatten sogar im Wahlkampf zum Stromanbieterwechsel
aufgerufen.
Nun setzt die swb auf alternative Strategien und die "Ertüchtigung" der
Altanlagen. So soll verlorenes Vertrauen zurückgewonnen werden. "Wir kämpfen
um jeden Kunden", erklärte Schoeber. Bisher beträgt der Anteil
"erneuerbarer" Energieträger in der Produktion der Bremer swb nur bei 1,5
Prozent. Durch die Verstromung von Industriemüll , die Verstromung von
Biomasse und verstärktes Engagement im Bereich der Windeenergie will die swb
dem EU-Ziel von 20 Prozent im Jahr 2020 näher kommen.
KLAUS WOLSCHNER